Ab Mitte der 1950er Jahre befand sich Marilyn Monroe in einer persönlichen Krise, weshalb sie psychoanalytische, ärztlich begleitete Gespräche nach der zu ihrer Zeit in den USA weit verbreiteten Lehre Sigmund Freuds aufnahm. Aufgrund ihrer schwierigen familiären Herkunft entwickelte sie Ängste, selbst an einem Nervenleiden zu erkranken, was ihr den Schlaf raubte.
Es wurden bei ihr reaktive depressive Episoden diagnostiziert. Diese wurden auf eine verzögerte, posttraumatische Belastungsstörung zurückgeführt, ausgelöst durch psychisch stark belastende Erfahrungen in der Kindheit und Jugend.
Dabei bezog sich Marilyn Monroe ausdrücklich auf den weiblichen Ödipuskomplex. In der psychoanalytischen Theorie hatte sich das Konzept dazu inzwischen weiterentwickelt.
Sigmund Freud hatte den Ödipuskomplex zu Beginn des 20. Jahrhunderts als zentrales Konzept seiner Psychoanalyse etabliert, ursprünglich jedoch ausschließlich aus einer männlichen Perspektive.
Freud benannte den Ödipuskomplex nach der Gestalt des Ödipus aus der griechischen Tragödie „König Ödipus“ von Sophokles aus Kolonos, in welcher der Protagonist unwissentlich seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet.
Er interpretierte die griechische Tragödie als Ausdruck unbewusster Wünsche des Jungen, die Mutter zu begehren und den Vater als Rivalen zu verdrängen. Diese Deutung entwickelte Sigmund Freud ausschließlich aus der Perspektive männlicher Kleinkinder, die unbewusst gegen den Vater opponieren, um die Liebe der Mutter zu gewinnen.
Erst in einem späteren Stadium wurden weibliche Entwicklungsprozesse in die psychoanalytische Theorie integriert, wenngleich Freuds ursprüngliche Analyse auf die männliche Perspektive fokussiert blieb.
Diese eindimensionale Sichtweise rief ab den frühen 1950er-Jahren feministische Kritik hervor und bildete den Ausgangspunkt für tiefgreifende intellektuelle und theoretische Weiterentwicklungen durch Psychoanalytikerinnen.
Dabei wurde insbesondere hervorgehoben, dass auch Mädchen bereits im Kleinkindalter lernen, sich gegen die Mutter zu positionieren, um verstärkt Zuneigung und Aufmerksamkeit vom Vater zu erlangen.
Marilyn Monroe, als Halbwaise und aufgrund der psychischen Erkrankung ihrer Mutter, passte in reiner Form in das Konzept des weiblichen Ödipuskomplexes, da sie als Jugendliche keine Möglichkeit hatte, diesen Komplex zu überwinden.
Heute gelten die Theorien des Ödipuskomplexes als überholt und beziehen sich hauptsächlich auf den westlichen Kulturraum. Sie spiegeln oft eine enge Sichtweise auf Geschlechterrollen und Familienstrukturen wider. Dennoch bleibt der Ödipuskomplex auch heute ein fester Bestandteil der Psychoanalyse.
Marilyn Monroe setzte sich ernsthaft mit der Psychoanalyse auseinander und gilt heute als eine der bekanntesten Anhängerinnen Sigmund Freuds.
Ihre intensive Beschäftigung mit dessen Lehre wurde intellektuell von ihrem Rabbiner begleitet, der sie auch spirituell prägte. Marilyn Monroe verstand sich selbst als überzeugte, orthodoxe Freudianerin.
Während der Dreharbeiten zu dem Film DER PRINZ UND DIE TÄNZERIN war es Marilyn Monroe ein tiefes persönliches Anliegen, Anna Freud, die Tochter des Begründers der Psychoanalyse, persönlich zu begegnen.
Im Londoner Haus der Freuds kam es schließlich im Oktober 1956 zu einer verabredeten Teestunde, bei der Anna Freud ihre berühmte Gesprächspartnerin auf geradezu naive Weise mithilfe eines Murmelspiels psychologisch einzuschätzen versuchte. Anna Freud war eine renommierte Kinderpsychologin und Pionierin der Kinderpsychoanalyse.
Das Haus, in das Sigmund Freud 1938 als von den Nationalsozialisten verfolgter Jude aus Wien nach London flüchtete, war von einer ehrwürdigen und zugleich intimen Atmosphäre durchdrungen.
Dort verstarb der weltberühmte Psychoanalytiker 1939 im Alter von 83 Jahren an den Folgen einer selbst verabreichten Überdosis Morphium, die er sich aufgrund eines fortgeschrittenen Gaumenkrebses zuführte.
Marilyn Monroe verband mit diesem Ort eine besondere Aura des psychoanalytischen Erbes und der geistigen Auseinandersetzung mit Freuds intellektuellen Konzepten, die er ab 1896 in Wien entwickelte und erstmals veröffentlichte.
Trotz ihres intensiven Interesses an der Psychoanalyse fand Marilyn Monroe keinen Psychoanalytiker, der ihren Ansprüchen und der Komplexität ihrer Persönlichkeit gerecht wurde. Die medizinisch ausgebildeten und studierten Analytiker, bei denen sie ihre Sitzungen absolvierte, führten sie häufig in eine für sie belastende und kontraproduktive Lebensrichtung. Dieses Spannungsverhältnis stand im Widerspruch zu der Schauspieltechnik, die sie am Actors Studio in New York erlernt hatte, dem Method Acting. Zentral bei dieser Methode ist das bewusste Zurückgreifen auf eigene Lebenserfahrungen, um gespielten Szenen Authentizität und emotionale Tiefe zu verleihen. Für Marilyn Monroe bedeutete das, ihre inneren Konflikte und Verletzungen immer wieder zu reproduzieren, ohne dass es ihr gelang, diese Belastungen mithilfe ihrer psychoanalytischen Begleitung nachhaltig zu verarbeiten.